Ich hatte mal ein Blog mit dem Namen side-glance. Das habe ich gelöscht und auch wenn das für keine_n außer mir mehr wichtig ist habe ich damit noch nicht abgeschlossen. Dieser Artikel fehlt dazu.

side-glance habe ich irgendwann 2009 bei WordPress angelegt, einige Monate bevor ich mein Informatikstudium anfing. Damals wurde ich von der Frage “Warum willst du als Frau Informatik studieren” in allen erdenklichen Formen gerade zu überhäuft und ich hatte das Bedürfnis mich mit dem was hinter dieser Frage steckt auseinanderzusetzen. Außerdem dachte ich, dass das für andere relevant sein könnte wenn ich Erlebnisse dieser Art und meine Gedanken dazu teile. Interviews die damals mit mir geführt wurden befinden sich noch heute zum Nachlesen online. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir das damals Gesagte heute sehr naiv vorkommt und nicht mehr unbedingt dem entspricht was ich heute sagen würde.

Über Twitter bekam mein Blog im Laufe der Zeit eine für mich spürbare Bekanntheit. Das gab mir einen Motivationsschub. Ich registrierte eine eigene Domain und zog side-glance auf gemieteten Webspace um. In meinen Zugriffsstatistiken konnte ich sehen wie sich meine Artikel verbreiteten, es kamen Kommentare, Tweets und E-Mails und ich fühlte mich als könnte ich was bewegen. Das Thema Women in Tech, für das ich immer noch keinen angemessenen Namen auf Deutsch habe, wurde damals in deutschen Blogs und Medien noch sehr selten besprochen. Später habe ich unter anderem deshalb mit anderen ein Gruppenblog gegründet um ein deutsches Medium anzubieten. Ich habe über mein Blog liebe und interessante Menschen kennengelernt, Leute haben mir dafür gedankt, dass ich Dinge sichtbar gemacht habe die sie nicht auf dem Schirm hatten. Ich selbst habe mich dadurch weiterentwickelt und ein gewisses Fachwissen angehäuft. Es gibt noch Kommentare von mir im Netz von den Anfängen wo ich schrieb, ich müsste es als Frau nur weit genug bringen, damit ich dann Strukturen von innen heraus ändern könnte um das Leben für andere zu erleichtern. Heute muss ich darüber lachen. Das bringt mich auch gleich zum ersten Grund, warum ich es aufgegeben habe über das Thema zu bloggen, mein Blog gelöscht habe und auch auf dem Gruppenblog nichts mehr publiziere.

Die alten Inhalte standen nicht mehr für die Person, die ich am Ende war.

Mir fällt es leider sehr schwer nach einigen Jahren das in Vergangeneheit Geschriebene noch mal durchzugehen und mich mehr als nur ein bisschen zu schämen. Beim Gedanken daran, dass Menschen nur diesen einen Artikel/Kommentar von mir lesen könnten und sich daraus ein Bild von mir als Person machen, wurde mir schlecht. Wenn mich Leute die ich gerade erst kennengelernt habe googeln und mich dann aus heiterem Himmel auf einen bestimmten Aspekt ansprechen, dann ist mir das unangenehm (abgesehen davon, dass das sowieso keine Art ist mit Leuten umzugehen). Wenn sie mich zudem gleich in eine Schublade stecken nervt das noch mehr. Der Rat, dass ich auf solche Leute auch getrost verzichten könne hilft leider nicht in allen Lebenssituationen gleich.

Ich bin mehr als die mit dem Women in Tech Blog.

side-glance und meine Internetpersönlichkeit die damit verbunden war, haben mich stark auf diese eine Thematik reduziert. Es fühlte sich am Ende falsch an, dass all die ganzen anderen Facetten meines Lebens so unsichtbar waren. Gleichzeitig fühlte es sich aber auch falsch an noch viel mehr Informationen zu veröffentlichen. Als ich irgendwann den Roman The Circle las, fühlte ich mich an einer Stelle ertappt. Soweit ich mich erinnere kommt die Protagonistin genau an diesen Punkt, wo ihr das Bild, das andere aufgrund ihrer verfügbaren Daten von ihr haben, falsch vorkommt. Ihr wird darauf entgegnet, dass dies aufgrund der Unvollständigkeit sei und sie nur mehr herausgeben müsse.

Persönliches macht angreifbar.

Was mich auch gleich zu diesem Punkt hier bringt. Je mehr Erfahrungen ich geteilt habe, desto mehr Zuschriften kamen von Menschen die Ähnliches erlebt hatten. Das hat dazu geführt, dass ich mich weniger einsam gefühlt habe und zunächst war das ein schönes Gefühl. Jedoch nutzten andere Personen sehr schnell die von mir veröffentlichten Informationen um mich (in Form von harscher Kritik) berechtigt oder (in Form von purem Hass) unberechtigt anzugreifen. Damit musste ich jedes einzelne Mal erstmal klar kommen. Ich habe das Blog bewusst aus meiner Perspektive geführt, weil ich mich nicht als Expertin für die Erlebnisse anderer hervortun wollte. Gleichzeitig hatte ich dadurch aber immer mit Vorwürfen wie “Du machst das doch nur um deine eigenen Interessen voranzutreiben” und “Das ist deine verschobene Wahrnehmung, in Wahrheit gibt es doch überhaupt kein Problem” zu tun.

Ungerechtigkeit sichtbar machen vs. Leute oder Institutionen anprangern.

Beim Veröffentlichen von negativen Erfahrungen kam ich manchmal nicht drum herum Personen oder Institutionen implizit zu benennen. Ich habe dabei keine Namen veröffentlicht, aber trotzdem wurde irgendwann aus dem Kontext klar um welche Institutionen es sich handelt. Für Leser_innen die in solchen Situationen dabei waren sogar manchmal um welche Personen es sich handelt. Je mehr Informationen ich angesammelt hatte, desto größer wurde meine Angst, dass meine Artikel als Pranger wahrgenommen werden könnten. Es war und ist nie mein Ziel Leute oder Institutionen schlecht zu machen, vielmehr ist es mir wichtig aufzuzeigen was eigentlich schief läuft und warum die Situation so ist wie sie ist.

Haters gonna hate und Anonymität

Zu diesem Thema wurde viel geschrieben in den letzten Jahren. Auch für mich war das leider ein großes Thema. Hasskommentare und -mails gehörten irgendwann leider auch zu meinem Alltag. Ich hatte ursprünglich nicht geplant ein Blog unter meinem echten Namen zu schreiben. Das hat sich leider so entwickelt, weil Leute die mir nichts Gutes wollten mich dazu gezwungen haben. Das hat meinen Handlungsspielraum verringert, mich aber auch persönlich Leuten näher gebracht die mich bisher nur unter Pseudonym kannten.

Es ist Arbeit. Kämpfen für soziale Gerechtigkeit ist nicht mein Beruf(swunsch).

Anderen Blogger_innen muss ich das nicht erzählen: so ein Blog ist Arbeit und es kostet Zeit und Kraft. Ich war in diesem Fall emotional sehr in dieses Thema eingebunden und habe, auch unabhängig von dem was ich veröffentlicht habe, viele Stunden meiner Zeit damit verbracht Artikel zum Thema zu lesen, mir Gedanken zu machen und das aktuelle Geschehen zu verfolgen. Besonders als das Thema dann doch immer präsenter wurde nahm es zu viel Raum in meinem Leben ein. Teilweise muss ich mich auch heute noch bremsen was das Lesen und Recherchieren angeht. Ich will und wollte während diesem Weg den ich in den letzten Jahren ging immer Informatikerin sein, mich mit feministischen Themen und sozialer Gerechtigkeit auseinanderzusetzen ist mir wichtig, aber es ist nicht mein Berufswunsch. Auch wenn das nicht sichtbar ist, bin ich sehr erfolgreich in meinem Studium, habe auch da Wissen angehäuft und es war harte Arbeit bis hier hin zu kommen. Noch härter war es neben Studium und Nebenjob noch so ein einnehmendes Thema als Freizeitbeschäftigung zu haben das im Informatikumfeld nicht gerade honoriert wird.

Bad News, Worse News – die Welt ist ein furchtbarer Ort, oder?

Wenn man sich viel mit aktuellen und vergangenen Ereignissen zu Women in Tech beschäftigt gewinnt man wie beim Lesen vieler Nachrichten zu anderen Themen den Eindruck, dass die (Technik-)Welt sehr schlecht ist. Man lebt irgendwann nicht mehr im Moment, im eigenen Leben, sondern wird von dieser Schlechtigkeit vollkommen aufgesaugt. Man fängt an sich zu fragen, ob Personen mit denen man zu tun hat wohl auch eine sexistische Einstellung haben und wenn sich das bestätigt ist es paradoxerweise umso enttäuschender. Dass ein gesunder Umgang mit Neuigkeiten notwendig ist, insbesondere wenn man beginnt sich weiteren Themen zu sozialer Gerechtigkeit zuzuwenden, ist für mich ein wichtiger Punkt.

Das Thema ist ist komplexer als Women in Tech.

Das ist eigentlich einer der wichtigsten Punkte der mir in den letzten Jahren immer klarer geworden ist. Es geht nicht nur um Frauen und es geht auch nicht nur um IT/Technologie. Geschlecht ist nicht Binär und viel komplexer als ich es mir zu Beginn meines Blogs ausgemalt hatte. Es gibt viele, auch ineinander verflochtene, Diskriminierungsformen über die ich nie berichtet habe weil ich sie aufgrund meiner eigenen Privilegien nicht auf dem Schirm hatte oder mich nicht in der Lage fühlte angemessen darüber zu schreiben. Mittlerweile finde ich persönlich Feminismus für heterosexuelle nichtbehinderte weiße cis Frauen, insbesondere Corporate Feminism (auf Deutsch vielleicht Karrierefeminismus) ziemlich problematisch und möchte auch kein Blog führen das sowas implizit unterstützt.

Solidarität != Freundschaft.

Was ich noch durch mein Blog gelernt habe ist, dass ich zwar viele Verbündete hatte die mich in meinem Anliegen unterstützt haben, ich dies aber zu Beginn fälschlicherweise mit Freundschaft verwechselte. Anhänger_innen meines Blogs sind nicht automatisch die Menschen bei denen ich mich ausheulen kann wenn es mir schlecht geht und sie können mich auch nicht auffangen. Das bedeutet leider auch, dass man mit vielen Follower_innen am Ende des Tages eventuell doch allein dasteht. Was jetzt nicht heißen soll, dass ich nicht einzelne Menschen auch jetzt noch als Freund_innen sehe oder mir vorstellen könnte, dass wir gute Freund_innen wären/werden.

Was nun?

Jetzt wo ich mir das alles von der Seele geschrieben habe stellt sich für mich die Frage wie es jetzt weiter geht. Auch wenn ich mich zurückgezogen habe möchte ich all die Women in Tech (und damit meine ich die komplexe Version) wissen lassen, dass ich immer noch hinter ihnen stehe. Momentan leiste ich meinen persönlichen Beitrag in Form meines Nebenjobs in einem Büro für Diversity und Gleichstellung. Nein, das ist trotzdem nicht mein Berufsziel aber ich kann den Job gedanklich dadurch besser von meinem Studium trennen und habe das Gefühl etwas mehr lokalen Handlungsspielraum zu haben als mit einem Blog. Und ich habe die Zeit in meiner Freizeit vielleicht auch ein mal ein paar andere Interessen zu pflegen.